Frau Schletterer singt nicht mehr

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Ja
Der Südwestfunk und ich
04.01.2017 06:04

Ich erinnere mich, daß Anfang der Achtziger Jahre große Aufregung an unserem Gymnasium herrschte. Der Südwestfunk drehte zu dieser Zeit nämlich den Mehrteiler „Blut und Ehre – Jugend unter Hitler“, und an unserer Schule wurden Schüler und Schülerinnen als Statisten rekrutiert!

50 Mark bekam jeder Junge, der bereit war, sich für die Statistenrolle die Haare im Stil der Dreißiger „scheren“ zu lassen. Heute wären diese Frisuren wieder topmodern – der Undercut ist ja ziemlich angesagt momentan. Damals aber war es tatsächlich angebracht, die Jungs dafür zu bezahlen, denn mit so einem Haarschnitt lief niemand gern herum, und es dauerte ja einige Wochen, bis das wieder rausgewachsen ist.

Die Mädels hatten es da leichter. Die meisten zumindest; ich gehörte zu denen, die beinahe nicht hätten dabei sein können, weil meine Haare nur etwas länger als kinnlang waren und daher nur sehr mühsam zu Zöpfen geflochten werden konnten. Ich sah recht dämlich aus damit, aber auch ich war natürlich bereit, für diese einmalige Gelegenheit die Eitelkeit beiseite zu schieben.

Es war April, und es war nicht sonderlich warm. Die Szenen, die gedreht werden sollten, spielten jedoch im Sommer, und so kam es, daß wir eines Tages erbärmlich frierend an einer Karlsruher Kreuzung standen und immer und immer wieder ein und dieselbe Szene drehten, zu der wir nichts weiter beitrugen, als mit unserem Herumstehen die Szenerie zu beleben.

Obwohl ich natürlich stolz wie Oskar war, dabei sein zu können, hoffte ich doch im Stillen, daß mich nachher, wenn die Serie im Fernsehen lief, niemand auf den Bildern erkennen konnte, denn ich trug ein hellblaues Kleid aus – sehr authentisch! – lappigem Stoff, das nur bis zu den Knien reichte, dazu weiße Kniestrümpfe und Ledersandalen. Mein Haar war zu zwei winzigen Zöpfen geflochten, die sich schon nach sehr kurzer Zeit in Auflösung befanden, da es - wie gesagt - im Grunde viel zu kurz war. Das hellblaue Kleidchen war hochgeschlossen (was ich schon immer gehaßt habe, weil es mir dabei fast die Luft abschnürt), hatte ein Bubikrägelchen, das mich wie ein Kleinkind aussehen ließ, und einen Gürtel, der eigentlich in der Taille hätte sitzen sollen, aber tatsächlich unter meiner Brust herlief. Meine Knie waren damals schon knubbelig und meine Waden sehr stramm, weshalb ich mich auch wegen der Kürze des Kleides ziemlich genierte.

Meine Klassenkameradinnen sahen aber alle auch nicht viel besser aus, und so wagte keine, verletzende Bemerkungen über das Aussehen der anderen zu machen. Auf diese Weise war das eigentlich beschämende Outfit dann doch ganz gut zu ertragen.

Ich weiß noch, daß bei der Szene, die wir da drehten, Leslie Malton eine wesentliche Rolle spielte. Gesehen haben wir sie allerdings nur von weitem – schade.

Ein paar Tage später mußten wir in Durlach gefühlte fünfzig Mal jubelnd aus einer Schule rennen (es war das Markgrafen-Gymnasium) – der Beginn der Sommerferien wird wohl in jedem Film so dargestellt, obwohl ich im wahren Leben noch nie auch nur einen Schüler am letzten Schultag vor den Ferien so die Schule habe verlassen sehen.

Beide Szenen, bei denen ich mitwirkte, wurden tatsächlich nicht herausgeschnitten, aber nur beim AusderSchulerennen war ich im Bild wirklich zu sehen. Ich erkannte mich sofort, meine Familie aber konnte mich in den wenigen Sekunden, die ich durchs Bild flitzte, nicht ausmachen.

Besser erging es da ein paar von meinen Klassenkameraden, von denen einer sogar einen Satz sprechen durfte. Die anderen sangen in einer Gruppe von BDM-Mädels ein markiges Lied, und ein paar Jungs waren in einer Szene ebenfalls großformatig zu sehen.

Dunkel meine ich mich zu entsinnen, daß auch in den Gebäuden unseres Gymnasiums gedreht wurde, und daß der Umstand, daß es sich um sehr alte Gemäuer handelt, überhaupt erst dazu geführt hatte, daß an unserer Schule auch die Statisten ausgewählt wurden.

Es würde mich interessieren, ob ich meine ehemaligen Mitschüler und mich selbst auch wiedererkennen würde, wenn ich den Mehrteiler heute noch einmal sehen würde. Ich muß mal schauen, ob ich ihn mir nicht mal auf DVD beschaffe.

 

Oma
Von der Eitelkeit des Hundes

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