Frau Schletterer singt nicht mehr

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Ap
Die Last mit der Pest
12.04.2017 10:27

Irgendwann an diesem Wiedersehensabend neulich (s. voriger Eintrag) erwähnte ich beiläufig, „La Peste“ von Camus, über das ich meine Abiturarbeit hatte schreiben müssen (und das mit erstaunlichem Erfolg, wie ich gern erwähnen möchte…), sei für mich immer nur ein Buch über eine Stadt gewesen, in der die Pest ausgebrochen sei.
Nach dem süffisanten Lächeln, das ich daraufhin von meiner Ex-Lehrerin zugedacht bekam, war es sicher gut, daß ich nicht auch noch meinen Lieblings“spruch“ brachte, ein Gedicht über ein Schiff auf tosender See sei für mich immer nur ein Gedicht über ein Schiff auf tosender See. Sagt im Grunde ja dasselbe aus, nämlich daß mir das mit dem Interpretieren literarischer Ergüsse nicht so sehr liegt.

Überhaupt frage ich mich, ob nicht der ein oder andere Autor erst durch die Lehrmaterialien, die später über seine Werke geschrieben werden, erfährt, was er sich einst beim Verfassen gedacht hat. So manches Mal überkam mich nämlich beim Lesen schon das Gefühl, daß ein Autor nichts weiter beabsichtigte, als eine Geschichte zu erzählen. Mal mit mehr, mal mit weniger Tiefe – aber ich bezweifle, daß wirklich jedem Schriftsteller das Zeug zum Philosophischen oder Abstrahieren gegeben ist.
Nun mag man zu Recht anmerken, daß speziell Camus sehr wohl außer Schriftsteller auch ein Philosoph war, der sich erwiesenermaßen bei „La Peste“ mehr gedacht hat als ich. Ich habe dieser Tage mal geguhgelt und dabei erfahren, daß „La Peste“ offenbar eine Aufarbeitung und Reflexion über die Geschehnisse und Erfahrungen ist, die Camus im zweiten Weltkrieg gemacht hat. Die Pest steht symbolisch für den Krieg, in dem jeder auf seine Weise ums Überleben kämpft.
Da frage ich mich: wieso hat Camus nicht ein Buch geschrieben, in dem Krieg herrscht? Wieso macht man das, daß man ein Thema durch ein anderes ersetzt, um es als Symbol für das herhalten zu lassen, um das es eigentlich geht? Und wieso darf ich als Leser ein Buch über eine Pestepidemie nicht einfach ein Buch über eine Pestepidemie sein lassen? Wieso muß ich immer alles über die Hintergründe wissen und ausarbeiten, was der Autor mir damit sagen will? Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob jeder Autor mir immer was sagen will – ob er also will, daß jeder versteht, was in ihm vorgegangen ist beim Schreiben.
Diese Gedanken, die ich so hege, sind zweifellos der Grund, wieso es gut ist, daß ich kein geisteswissenschaftliches Studium aufgenommen habe. Ich bin für derlei Dinge wohl nicht klug genug. Oder einfach zu bodenständig. Wer weiß.

 

Ein Wiedersehen - Teil II
Bauchgefühl

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